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Kreativ Liechtblick

Wenn Corona unter die Haut geht – oder eben nicht

Social Distancing, zwei Meter Abstand und schliesslich der komplette Lockdown mit einem Aufruf von Bundesrat Alain Berset an die Bevölkerung: «Bleiben Sie zuhause». Arbeitsstopp für alle Berufsgruppen, die die Massnahmen nicht einhalten können. Ein Auszug aus einem Albtraum für jede/n Tätowierer*in, der dieses Jahr Realität wurde. Wie die Tattoo-Branche mit dieser herausfordernden Situation umgegangen ist und was das «Isolation Art Project» damit zu tun hat, erzählt Janik Jehle im Gespräch mit CHorona.ch.

«Das Isolation Art Project war ursprünglich eigentlich einfach ein WhatsApp-Chat unter Freunden, die dann wiederum ihre Freunde einladen konnten, mit dem Ziel einen Austausch in der Tattoo-Szene zu ermöglichen, wie mit dem Coronavirus und den daraus resultierenden Folgen umgegangen werden soll. Ausserdem sollte er eine Plattform bieten, um einander unter die Arme greifen zu können, wenn beispielsweise bei Arbeitsmaterialien wie Desinfektionsmittel oder Handschuhen Knappheit aufkommen würde. Entstanden ist der Chat aber schon vor den Massnahmen, die dazu geführt haben, dass wir unsere Betriebe schliessen mussten.» Jehle, selbst Tätowierer, weiter: «Nach kurzer Zeit schoss die Anzahl der Chat-Mitglieder in die Höhe. RJ aus Bern hatte schliesslich die Idee diese virtuelle, nationale Zusammenkunft und die Zeit in der Isolation zu nutzen und ein Kunstprojekt in die Welt zu rufen – das Isolation Art Project war geboren. Als Ziel haben wir uns ein Buch und eine Ausstellung gesetzt.»

Ein eingereichtes Kunstwerk von Kaspargus.
Ein eingereichtes Kunstwerk von Kaspargus.

Ein virtuelles Gemeinschaftsprojekt

Die Tattoo-Szene ist vielseitig und kreativ. Diese beiden Aspekte und die Kunst des Handwerks sollen mit dem Isolation Art Project repräsentiert werden. Professionelle Tätowierer*innen aus der ganzen Schweiz waren eingeladen sich zuhause kreativ auszuleben und Werke für das Projekt zu erschaffen. Vorgaben wurden nur wenige definiert: Tattoo-Künstler*innen aus der Schweiz sollen, mit dem Ziel im Hinterkopf ein Buch herausgeben zu können oder eine Ausstellung auf die Beine zu stellen, Werke für eines dieser beiden Formate kreieren. Ob dies eine Ölmalerei, ein Gedicht, ein Lied, ein Tanz oder sonst etwas sei, überlasse man den Künstler*innen.

«Eigentlich geht es darum ein künstlerisch anspruchsvolles Buch publizieren zu können, das man in 10 Jahren nach vorne nehmen kann und stolz darauf sein kann, was die Schweizer Tattoo-Szene erreicht hat.»

Die Initianten haben sich ein Buch mit insgesamt 60-100 Künstler*innen zum Ziel gesetzt. Um das Projekt zu bewerben hat Jehle einen Instagram-Kanal erstellt, auf welchem er während dem Corona-Lockdown immer wieder Bilder von entstandenen Werken publizierte. Zum Zeitpunkt des Gesprächs mit Janik Jehle wurden zwar bereits 60 Werke eingereicht, allerdings gäbe es im Moment noch einen kleinen Knackpunkt: «Leider sind viele Werke nicht mit hochauflösenden Bilddaten eingereicht worden. Dies wäre aber nötig, um ein qualitativ hochstehendes Buch realisieren zu können. Im Moment versuchen wir diese Daten aufzutreiben. Schlussendlich haben wir aber nichtsdestotrotz bereits ein grosses Ziel erreicht: die Szene mit einem partizipativen Projekt über die schwierige Zeit zu bringen. Das angedachte Buch wäre das Sahnehäubchen auf einer bereits gebackenen Torte.»

Eine WC-Rolle wandert durch die Schweiz

David Ryf, ebenfalls Teilnehmer des Isolation Art Projects und Tätowierer, hat sich von den WC-Rollen-Hamsterkäufen inspirieren lassen. Aus seiner Idee entstand ein kleines Seitenprojekt des Isolation Art Projects. Ryf hat auf einer Papierrolle, die den Dimensionen einer WC-Rolle ähnelt, eine Fläche bemalt, die in etwa der eines Stücks WC-Papier entspricht. Zusammen mit einer kleinen Anleitung und einem Goodie (z.B. eine Flasche Bier) verschickte er die Rolle an eine Person aus seinem Bekanntenkreis, die wiederum eine WC-Papier-grosse Fläche gestalten und das Päckli erneut weitersenden sollte. So begab sich während der Corona-Zeit also eine WC-Rolle auf eine Reise durch die Schweiz.

Ein Kunstwerk von David Ryf.
Ein Kunstwerk von David Ryf.

Was das Projekt für die Szene bedeutet

Das Isolation Art Project ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Menschen in der Schweiz in der Zeit des Lockdowns mit kreativen Lösungen zu helfen gewusst haben. Covid-19 hat für die Tattoo-Branche einen Einkommenseinbruch von 100% über Nacht bedeutet. Mit Beschluss des Bundesrats war es den Tätowierer*innen untersagt ihren Beruf weiterhin auszuüben. Dank des Kunstprojekts haben Jehle und seine Branchenkolleg*innen nicht nur ein schweizweit gemeinsames Projekt starten können (was nach Angaben von Jehle übrigens weltweit einmalig ist), sondern er glaubt, dass dadurch auch ein Zusammenrücken erreicht werden konnte: «Das Schöne war vor allem, dass man merkte, dass man nicht alleine da steht, alle im selben Boot sitzen und man sich teilweise nur schon damit sehr gut helfen konnte, dass man einfach da war füreinander. Beispielsweise hat sich aus der ursprünglichen Gruppe eine weitere WhatsApp-Gruppe gebildet, die Tätowierer*innen angesprochen hat, die zur Risikogruppe gehörten. Darin wurden schliesslich genauere Infos, die für sie relevant waren, ausgetauscht.» Als weiteren schönen Nebeneffekt nennt Jehle das Kennenlernen von Tätowierer*innen durch das Projekt. Er und auch viele andere wurden durch die Kunstwerke auf Kolleg*innen aufmerksam, die sie vorher nicht gekannt hatten. Genauso vielfältig wie die Tattoo-Szene selbst ist, hat also auch das Isolation Art Project viele verschiedene Facetten, die es schliesslich zu einer gelungenen Aktion in der Krise machen.

Instagram-Kanäle der Künstler*innen

David Ryf
Kaspargus
Nathalie Verdon
NEEDLESTREET
Janik Jehle
RJ
Nadja Huber

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